
Der Tag, an dem Rolle ein Jahrhundert zurückdreht: Das Drehorgelfestival am Genfersee
Eine Stadt, die für einen Tag hundert Jahre zurückgeht
Einmal im Jahr, im August, verwandelt sich das ruhige Rolle in eine Stadt der Drehorgelspieler. Musiker in historischen Kostümen postieren sich entlang der Uferpromenade und beim Schloss, und für einige Stunden scheint der Ort ein Jahrhundert zurückzugleiten.
Eine einzige grosse Bühne gibt es nicht. Die Spielerinnen und Spieler verteilen sich über die Seepromenade und das Zentrum, sodass man ihnen beim Spazieren nach und nach begegnet. Die Musik dringt aus mehreren Richtungen gleichzeitig herüber, und man möchte ständig noch die letzte Orgel erreichen — kaum entfernt man sich allerdings von einer, stimmt sie etwas Munteres an und zieht einen sofort wieder zurück.
Die Drehorgel hat ein Imageproblem. Ihr Klang bleibt meist als jene monotone, leicht schneidende Endlosschleife in Erinnerung, die einen über Plätze und Jahrmärkte verfolgt. Ein Tag in Rolle ist ein gutes Argument gegen diese Erinnerung.
Aus der Nähe erweist sich jedes Instrument als Stück Handwerkskunst, und keines gleicht dem anderen: andere Gehäuse, andere Schnitzereien, andere Pfeifenzahl, andere Stimmen. Die Spieler zeigen ihre Mechanik gerne her und erklären, wie sie funktioniert, und die meisten singen zu ihrer eigenen Maschine mit. Einige stimmen gemeinsam alte französische Lieder an, andere tanzen, und manche bauen um die Musik herum eine ganze kleine Nummer auf.
Der Tag endet mit einem gemeinsamen Konzert im Hof des Château de Rolle. Familien aus der Umgebung kommen mit ihren Kindern, singen mit und applaudieren — worum es letztlich geht.

Das Festival selbst
Das Festival des Orgues de Barbarie wurde im Jahr 2000 in Rolle ins Leben gerufen, auf Wunsch der Gemeinde und in den ersten Ausgaben mit Unterstützung des örtlichen Gewerbevereins. Zu den langjährigen Organisatoren zählt der Rollois Jean-Robert Probst. 2026 fand das Festival zum 26. Mal statt.
Seine Geschichte ist bewegter, als es einem kleinstädtischen Musiktag zusteht. Ab etwa 2010 wurde das Festival abwechselnd mit dem Tourismusbüro des benachbarten Morges durchgeführt. 2018 gaben die Organisatoren auf: Angesichts immer knapperer Gemeindebudgets wollten weder Rolle noch Morges es weiter finanzieren. Innerhalb weniger Tage wurde das Festival vom Comptoir de Morges gerettet, dessen Komitee es in das eigene Programm aufnahm — so spielten die Orgeln stattdessen zwischen den Tulpen im Parc de l'Indépendance. Nach rund einem Jahrzehnt in Morges kehrte das Festival 2024 an die Quais von Rolle zurück.
Diese Episode erklärt eine Stimmung, die vor Ort bis heute mitschwingt: Rolle betrachtete das Festival als Teil der eigenen kulturellen Identität und nicht bloss als Unterhaltung — und es an Morges zu verlieren, schmerzte.

Was es besonders macht
Entscheidend ist, dass es in die Stadt eingebaut und nicht vor ihr aufgeführt wird. Die Drehorgelspieler verteilen sich über die Quais, rund um das Château de Rolle und durch das Zentrum, sodass die Musik einen Spaziergang begleitet, statt Stillsitzen zu verlangen.
Früher war das Ganze noch theatralischer. Frühere Ausgaben brachten mehr Instrumente und rund fünfzig kostümierte Mitwirkende aus der ganzen Schweiz und dem Ausland zusammen, und zeitweise gab es vor dem Schlusskonzert sogar eine Parade geschmückter Boote auf dem See.
Die Kostüme sind wichtiger, als sie scheinen. Die Drehorgel gehört zur Strassenkultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, weshalb die Spieler sich oft entsprechend kleiden — und vor der Kulisse des alten Schlosses, der Grand-Rue und des Genfersees wird Rolle damit fast zu einer funktionierenden historischen Kulisse.
Der andere Reiz ist der Massstab. Das ist kein grosses kommerzielles Festival mit Absperrungen und Ticketkassen. Rund zwanzig Orgeln spielen von 10.00 bis 16.00 Uhr auf den Quais und der Place du Marché, das Schlusskonzert im Schlosshof ist gratis. Genau diese Bescheidenheit passt zu Rolle.
Wann: in der Regel am letzten Samstag im August — 24. August 2024, 23. August 2025, 22. August 2026.
Wo: Quais, Place du Marché und Hof des Château de Rolle.
Eintritt: frei.

Woher die Drehorgel kommt
Die Drehorgel kam als tragbare mechanische Orgel nach Europa — ein Instrument, das eine Melodie ohne Klaviatur und ohne ständiges Zutun eines Musikers spielen konnte.
Ihre Vorläufer entstanden etwa im 17. und 18. Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa. Einen einzelnen Geburtsort gibt es nicht, doch ihre Entwicklung wird meist mit Deutschland, Frankreich und Italien verbunden, wo kleine mechanische Orgeln für Kirchen, Paläste und Jahrmärkte gebaut wurden.
Das Prinzip ist einfach. Im Inneren sitzt eine mit Stiften besetzte Walze, bei späteren Instrumenten ein perforierter Notenrollen- oder ein gefalteter Kartonnotenstreifen. Dreht der Spieler die Kurbel, betätigt der Mechanismus gleichzeitig den Blasebalg, der die Pfeifen mit Luft versorgt, und «liest» die Melodie. Der Vortragende spielt die Musik also weniger, als dass er das Instrument in Gang setzt — weshalb sie im Französischen tourneurs de manivelle heissen, Kurbeldreher, und nicht Musiker.
Ihre grosse Zeit war das 19. Jahrhundert, als sie auf die Strasse hinaustrat. Drehorgelspieler bespielten Plätze, Jahrmärkte und Hinterhöfe mit populären Liedern und Tanzmelodien, und viele von ihnen waren fahrende Musiker aus Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. So wurde die Drehorgel Teil des Bildes der alten europäischen Strasse.
Im Französischen heisst das Instrument orgue de Barbarie, und niemand weiss so recht, warum. Es klingt nach «Barbarenorgel», und eine Deutung verbindet den Namen tatsächlich mit der Vorstellung roher oder fremdartiger Musik. Eine andere führt ihn auf einen verballhornten Handwerkernamen zurück — meist wird der italienische Orgelbauer Giovanni Barberi genannt. Eine dritte auf einen entstellten Ortsnamen. Keine Erklärung ist gesichert.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert verblasste die Drehorgel, verdrängt von Grammophon, Radio und anderen Möglichkeiten der Musikwiedergabe. Ganz verschwunden ist sie jedoch nie. Sie wechselte die Kategorie und wurde zum Kulturerbe und Sinnbild alter europäischer Strassenkultur — weshalb es bis heute Drehorgelvereine und Festivals wie das in Rolle gibt.




Wissenswertes über das Instrument
Der Spieler «spielt» die Melodie nicht im üblichen Sinn. Die Kurbel treibt Blasebalg und Mechanik an; die Notenfolge ist auf der Walze oder dem perforierten Streifen bereits codiert.
Sie ist eine der Urahnen des Musikautomaten. Im Grunde ist die Drehorgel eine frühe Form automatischer Musikwiedergabe, lange vor dem Grammophon.
Das Repertoire kam auf wechselbaren Tonträgern. Ältere Instrumente nutzten austauschbare Walzen, spätere perforierte Papierrollen und schliesslich gefaltete Kartonbücher — ein System, das Anselme Gavioli 1892 zugeschrieben wird und weit längere, komplexere Arrangements erlaubte.
Sie war zentral für die Strassenkultur des 19. Jahrhunderts, zu hören auf Jahrmärkten, Plätzen, in Höfen und vor Wirtshäusern — ungefähr die tragbare Lautsprecherbox ihrer Zeit.
Die Italiener sorgten für einen Grossteil der Verbreitung. Sehr viele Strassenmusiker stammten aus Italien und zogen durch Frankreich, die Schweiz, Deutschland, England und weiter.
Die Musik war oft nur die halbe Nummer. Tänzer, Akrobaten, Puppen und dressierte Tiere konnten dazugehören — das Äffchen auf der Schulter des Drehorgelmanns ist keine Zeichentrickerfindung —, was jeden Auftritt zu einem kleinen Strassentheater machte.
Manche Instrumente sind ausserordentlich aufwendig. Grosse Jahrmarktsorgeln konnten Dutzende Pfeifen samt Schlagwerk tragen und beinahe eine Orchesterfassung wiedergeben. Namen wie Gavioli, Limonaire und Ruth wurden so bekannt, dass limonaire im Französischen zum Gattungsbegriff wurde.
Sie war eine günstige Alternative zur Live-Kapelle. Für einen Jahrmarkt oder ein kleines Fest konnte eine einzelne Person ein Instrument herbeitragen und stundenlang für Musik sorgen.
Sie starb nicht an Unterlegenheit, sondern an Bequemlichkeit. Zuerst kamen Klavierautomaten und Grammophone, dann das Radio.
Heute wird sie gerade für ihre Unvollkommenheit geschätzt. Das Rauschen der Bälge, der mechanische Puls, das leicht ungleichmässige Timbre und der Anblick der arbeitenden Mechanik erzeugen etwas, das keine Aufnahme ganz einfangen kann.
Man könnte sie die Vorfahrin der Playlist nennen. Der Vortragende wählte nicht einzelne Noten, sondern ein vorbereitetes Musikprogramm, festgehalten auf Walze oder Streifen.
Und darin steckt ein schönes Paradox. Die Drehorgel wirkt wie das lebendigste aller Strasseninstrumente und ist doch im Kern einer der frühesten Versuche, Musik zu automatisieren.

Eine Schweizer Gewohnheit, kein Einzelfall
Rolle gehört zu einer kleinen Gruppe von Schweizer Orten, in denen das Drehorgeltreffen gelebte Tradition und nicht Wiederbelebung ist. Vergleichbare Treffen gibt es in Einsiedeln, Bad Zurzach, Luzern (im Rahmen der LUGA), Lichtensteig, Laufenburg und Lachen, und mehrere davon laufen seit Jahrzehnten — das Treffen in Bad Zurzach erreichte 2026 seine 37. Ausgabe. Es gibt einen Schweizer Drehorgel-Club und ein aktives Netz von Sammlern und Spielern, es handelt sich also um eine echte gegenwärtige Szene und nicht um vereinzelte Folkloreanlässe. Rolle zeichnet aus, wie selbstverständlich sich das Festival in das Gefüge der Altstadt einfügt: Die Musiker spielen auf den Quais, beim Schloss und in den historischen Gassen.
Es gibt noch einen tieferen Schweizer Bezug. Der Kanton Waadt, in dem Rolle liegt, war einst das Weltzentrum der mechanischen Musik: Die Werkstätten von Sainte-Croix und den umliegenden Jura-Dörfern belieferten ab dem 19. Jahrhundert den gesamten Globus mit Spieldosen. Wer sich in Rolle anstecken lässt, kann die Sache im Museum CIMA in Sainte-Croix, im Musée Baud in L'Auberson oder im nationalen Museum für Musikautomaten in Seewen weiterverfolgen.

Früh anreisen. Dann bleibt nicht nur Zeit für das Schlusskonzert, sondern auch für einen richtigen Gang durch das alte Rolle, einen Blick auf seine Geschichte und ein Gefühl für die Stadt, bevor die Musik einsetzt.
Die Uferpromenade ist der beste Ort für den Tag, denn dort stehen die Spieler. Es lohnt sich, mehr zu tun als zuzuhören: mit den Drehorgelspielern reden, die Instrumente aus der Nähe betrachten und das Ganze in jene Atmosphäre der alten europäischen Strasse einsinken lassen, derentwegen sich die Reise überhaupt lohnt.
Und noch etwas: Kleingeld oder Bargeld mitnehmen. Die meisten Spieler stellen ein Kästchen oder eine Dose neben sich, und das ist die übliche Art, sich für die Musik und die Stimmung zu bedanken. Viele von ihnen reisen und spielen ehrenamtlich, einige verkaufen auch Aufnahmen ihrer Instrumente.
Rolle liegt an der Genferseelinie, nur eine kurze Zugfahrt von Genf wie von Lausanne entfernt, und die Quais sind vom Bahnhof aus in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar — was diesen Ausflug einfach macht und ungewöhnlich charmant dazu.

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