
Morges: die Stadt am Genfersee, in der niemand es eilig hat
Wenn einem der Sinn nach Ruhe steht, nach einem gemächlichen Spaziergang, einem guten Apéro und schöner Landschaft, fällt einem fast immer Morges ein. Das kleine Städtchen im Kanton Waadt erfreut bei jedem Besuch aufs Neue: der Genfersee, die alten Gassen, der Blick über das Wasser nach Frankreich und zum Mont-Blanc und natürlich die Blumen — Strassen und Quais scheinen hier dauerhaft in Blüte zu stehen.
Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr: Blumen sind die offizielle Visitenkarte der Stadt, die sich denn auch «die Blume des Genfersees» nennt (la fleur du Léman). Seit 1971 findet jedes Frühjahr im Parc de l'Indépendance die Fête de la Tulipe statt: rund 140 000 Tulpen in fast 350 Sorten auf 30 000 Quadratmetern, bei freiem Eintritt. Das Fest dauert in der Regel von Ende März bis Anfang Mai, die genauen Daten verschieben sich jedes Jahr mit dem Wetter. Im Sommer und Herbst übernehmen die Dahlien.
Der spazierbare Teil der Stadt ist wirklich klein, und genau darin liegt der besondere Reiz von Morges. Man hat hier keinerlei Bedürfnis zu hetzen oder Häkchen hinter Sehenswürdigkeiten zu setzen. Viel angenehmer ist es, einfach durch die Altstadt zu schlendern, beim Schloss vorbeizuschauen, ans Wasser hinunterzugehen, gemächlich der blühenden Promenade zu folgen und auf die Alpen am anderen Ufer zu blicken.
Morges ist keine Stadt für ein volles Programm, sondern eine Stadt für eine Stimmung. Für ein paar stille Stunden, nach denen einem Herz und Kopf leichter werden.

Ein Spaziergang durch Morges
Für einen entspannten Rundgang sollte man zwei bis drei Stunden einplanen — mehr, wenn man sich hinsetzen, die Aussicht geniessen, an der Grand-Rue eine Kleinigkeit essen und einen Wein aus der Region probieren möchte.
Wer mit dem Zug kommt, geht vom Bahnhof in etwa zehn Minuten gemütlich zum Schloss hinunter. Mit dem Auto bietet sich der grosse Parkplatz direkt beim Schloss an.

Das Schloss und seine Museen
Das Château de Morges ist eine Festung aus dem späten 13. Jahrhundert, die unmittelbar am Wasser steht. Der Bau begann um 1286 zusammen mit der Stadt selbst und folgt dem klassischen «carré savoyard»: einem regelmässigen Viereck mit Rundtürmen an den Ecken.
Unter einem Dach vereinen sich heute fünf Museen: Waadtländer Militärgeschichte, Artillerie, Gendarmerie, historische Zinnfiguren und das Paderewski-Museum. Die von Raoul Gérard zusammengetragene Figurensammlung ist die grösste der Schweiz: rund 40 000 Zinnfiguren, von denen etwa 5000 als Nachstellungen berühmter Schlachten ausgestellt sind. Das Paderewski-Museum ist Ignacy Jan Paderewski gewidmet, dem polnischen Pianisten und Staatsmann, der von 1897 bis 1940 vor den Toren von Morges lebte.
Das Schloss und sein Hof lohnen sich auch ohne ausgiebigen Museumsrundgang. Zu beachten ist allerdings: Montags und dienstags sind die Museen geschlossen, und am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei.

Der Parc de l'Indépendance
Direkt hinter dem Schloss beginnt der Parc de l'Indépendance, ein sehr schöner Park unmittelbar am See. Ein guter Ort, um sich einfach hinzusetzen oder den Spaziergang der Promenade entlang zu beginnen.
Er hat seine eigene Geschichte: Früher diente das Gelände als Gemeindeweide, 1845 wurden dem See sechzehntausend Quadratmeter Land abgerungen, 1884 legte man einen englischen Garten an, und seinen heutigen Namen erhielt der Park 1898, zum hundertsten Jahrestag der Waadtländer Unabhängigkeit. Heute wachsen hier gegen fünfzig Baumarten von allen Kontinenten; die ältesten Kastanien stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist dieser Park, der sich jeden Frühling in ein Tulpenfeld verwandelt.

Promenade und Hafen
Der Quai Igor-Stravinski ist wohl der angenehmste Ort in Morges: Segelboote, offenes Wasser und bei klarem Wetter der Blick auf den Mont-Blanc. Es lohnt sich, ihn ganz abzulaufen, vom Schloss bis zum Hafen.

Der Hafen ist übrigens nicht von selbst entstanden: Die Berner liessen ihn um 1690 als Kriegshafen anlegen, um den Savoyern nötigenfalls etwas entgegensetzen zu können. Die Kriegsflotte auf dem Genfersee war nur eine kurze Episode, der Hafen wurde zum Handelshafen, und heute liegen dort Ausflugsboote und Yachten.
Von derselben Anlegestelle fahren von Frühling bis Herbst die Schiffe der CGN ab — unter anderem hinüber ins französische Yvoire.

Die reformierte Kirche
Der Temple de Morges — im Französischen heisst eine reformierte Kirche «temple» und nicht «église» — ist jene Kirche, deren hoher Turm sowohl von der Promenade als auch vom Hafen aus zu sehen ist.

Ein Gotteshaus steht hier seit 1306, ursprünglich als katholische Kapelle, nach der Reformation dann als reformierte Kirche. Weil der alte Bau mit der Zeit baufällig wurde, begann man 1769 nach Plänen des Berner Architekten Erasmus Ritter mit einem Neubau. 1771, als die Arbeiten fast abgeschlossen waren, sackte der Glockenturm ab und wurde schwer beschädigt: Die gesamte Westfassade musste abgetragen und nach Entwürfen des Lyoner Architekten Léonard Roux neu errichtet werden. Eingeweiht wurde die Kirche erst 1776. Heute gilt sie als eines der bedeutendsten Beispiele des Spätbarocks in der französischsprachigen Schweiz und ist als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft.
Wenn die Tür offen steht, sollte man unbedingt hineingehen. Das Innere ist nicht prunkvoll im katholischen Sinn, sondern zurückhaltend und typisch reformiert — und genau das macht es interessant. Ein einziges rechteckiges Schiff wird von Emporen umlaufen, ein flaches Querschiff gibt dem Bau die Form eines griechischen Kreuzes, und den Abschluss bildet eine runde Apsis mit der Kanzel, was in der protestantischen Architektur ungewöhnlich ist.
2022 wurde hier eine neue Orgel aus der Werkstatt von Jürgen Ahrend im ostfriesischen Leer aufgestellt: 40 Register, drei Manuale und Pedal, eingebaut in das bestehende Gehäuse von 1896. Ihre Einweihung fiel mit dem 250-Jahr-Jubiläum der Kirche zusammen, und seither ist Morges für seine Orgel- und Klassikkonzerte bekannt. Beim Eingang stehen einige Orgelpfeifen, die man anspielen darf, um ihren Klang zu hören.

Altstadt und Grand-Rue
Von der Kirche gelangt man leicht hinauf in die Altstadt und auf die Grand-Rue, eine Fussgängerstrasse mit alten Häusern, Cafés und kleinen Läden. Die Gebäude haben sich kaum verändert, seit sie in der Renaissance und im 18. Jahrhundert in Stein neu errichtet wurden: dicht aneinandergedrängt, in die Tiefe gebaut, mit unterschiedlich hohen Dächern.
Unterwegs lohnt ein Blick auf das Rathaus mit seinem sechseckigen Turm, in dem sich eine Wendeltreppe verbirgt; im selben Gebäude ist auch das Tourismusbüro untergebracht. Und in einem der Herrschaftshäuser aus dem 16. Jahrhundert an der Grand-Rue befindet sich das Musée Alexis Forel, benannt nach dem Kupferstecher und Sammler, der der Stadt seine Möbel, Keramiken und Wandteppiche vermachte (die Öffnungszeiten sind saisonal, man prüft sie besser vorab).
Wer eine Pause und lokale Spezialitäten sucht, ist in der Brasserie de l'Union an der Grand-Rue 7 gut aufgehoben, einer klassischen Schweizer Brasserie zwei Minuten vom See entfernt. Auf der Karte stehen je nach Tag Eglifilets, Fondue, Malakoffs, Papet vaudois, Fleisch auf dem heissen Stein und im Herbst Wild.


Diese Route genügt, um das Beste von Morges zu sehen: sich auszuruhen, die Aussicht zu geniessen, gut zu essen und mit neuer Energie nach Hause zu fahren.
Wer einen ganzen Tag hat, kann die Weinberge von La Côte und Vufflens-le-Château hinzunehmen, ein ausgesprochen fotogenes Backsteinschloss mitten in den Reben. Es ist in Privatbesitz und nicht zu besichtigen — es geht also allein um den Spaziergang und die Aussicht. Eine weitere Möglichkeit ist eine Schifffahrt auf dem Genfersee.
Ein wenig Geschichte
Morges entstand im 13. Jahrhundert am Ufer des Genfersees. Gegründet wurde die Stadt um 1286 von Ludwig von Savoyen — als befestigter Handelsplatz und zugleich als Druckmittel gegen den Bischof von Lausanne, den Hauptrivalen der Savoyer am Nordufer. Zur selben Zeit begann der Bau des Schlosses, das bis heute eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt ist. In den 1290er-Jahren erhielt Morges seine Stadtrechte, und im Mittelalter machte der savoyische Hof hier immer wieder Station: 1416 empfing das Schloss Kaiser Sigismund.
Dank der geschützten Bucht wurde Morges rasch zu einem wichtigen Handelsplatz, über den Wein, Getreide und andere Güter der Region La Côte liefen. 1536 fiel die Stadt zusammen mit der gesamten Waadt an Bern, und das Schloss wurde für zweieinhalb Jahrhunderte Sitz des bernischen Landvogts. Nach den revolutionären Ereignissen von 1798 kam Morges zum neuen Kanton Waadt.
Nach und nach wandelte sich die Militär- und Handelsstadt in einen ruhigen Kurort, in dem Schriftsteller, Musiker und Reisende gern Halt machten.
Das Wasser vor Morges bewahrt allerdings noch weitaus Älteres: Im Flachwasser liegen die Überreste prähistorischer Pfahlbausiedlungen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erforscht werden und heute zum UNESCO-Welterbe «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen» gehören.

Wer hier gelebt hat
Igor Strawinsky wohnte von 1915 bis 1920 in Morges. Hier entwarf er zusammen mit dem Waadtländer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz Die Geschichte vom Soldaten. Die Seepromenade trägt seinen Namen.
Ignacy Jan Paderewski, weltberühmter Pianist und erster Regierungschef des unabhängigen Polens, liess sich 1897 in der Nähe von Morges nieder und blieb bis zu seinem Lebensende. Sein Museum befindet sich heute im Schloss.
Audrey Hepburn lebte von 1963 bis zu ihrem Tod im benachbarten Tolochenaz, fünf Minuten von Morges entfernt. Sie kaufte auf dem Markt von Morges ein, und 1969 heiratete sie Andrea Dotti im hiesigen Rathaus. Begraben ist die Schauspielerin auf dem Dorffriedhof von Tolochenaz.
Das heutige Morges ist damit eine eigenwillige Mischung: mittelalterliche Stadt, alter Hafen, Weinbauregion und elegante Adresse am See.

Woher der Name kommt
Der Name Morges geht nicht auf eine Person zurück, sondern auf den Fluss La Morges, an dessen Mündung die Stadt im 13. Jahrhundert gegründet wurde. In frühen Dokumenten erscheint er als Morgia; unter dieser Form wird auch die Stadt selbst gegen Ende des 13. Jahrhunderts erstmals erwähnt. Beide Gewässer finden sich sogar im Stadtwappen wieder: Rot und Weiss stammen von Savoyen, die beiden Wellenbänder erinnern an die Morges und an den Mühlbach.
Über die Herkunft des Wortes selbst wird bis heute diskutiert. Die traditionelle Deutung verbindet Morgia / morga mit einer keltischen Wurzel für «Grenze, Scheide» — ein häufiger Name für Flüsse, die als natürliche Grenze dienten; verwandte Formen wie Morge, Murg und Morgex finden sich im ganzen Alpenbogen. Eine neuere toponymische These leitet ihn dagegen von einer indogermanischen Basis mit der Bedeutung «Sumpf, sumpfiger Fluss» ab.
Die Geschichte des Namens lässt sich also etwa so zusammenfassen: Zuerst war der Fluss Morgia → dann entstand daneben eine Stadt → die Stadt übernahm den Namen des Flusses → und aus Morgia wurde mit der Zeit Morges.

Veranstaltungen, Festivals und Feierlichkeiten, die man in Morges erleben sollte:
Tulpenfest Morges — Die kostenlose Schweizer Antwort auf Keukenhof

Auch verfügbar in
Tags

Jojo is Joyful Journeys!


