
Kanderdelta: Thuns wilde Flussmündung, die kaum ein Tourist findet
Direkt vor den Toren von Thun – rund anderthalb Stunden gemütliches Wandern, eine halbe Stunde mit dem öffentlichen Verkehr oder zehn Minuten mit dem Auto – liegt ein Ort, der schön, ungewöhnlich und von Touristen weitgehend übersehen wird. Selbst viele Einheimische waren noch nie dort. Das ist das Kanderdelta.
Der Reiz liegt nicht in einer einzelnen Sehenswürdigkeit, sondern in der Kombination: ein wilder Alpenfluss, ein See, Kiesbänke und Bergsicht, alles an einem ruhigen Ort mit sehr wenigen Menschen – ideal für einen langsamen Nachmittag und ein Bad.
Das Kanderdelta ist das Delta der Kander an ihrer Mündung in den Thunersee im Kanton Bern, Schweiz. Der Name ist wörtlich zu nehmen: Kander ist der Fluss, Delta das Delta. Heute ist es ein geschütztes Naturschutzgebiet mit Auenwald, Kiesbänken und Lebensraum für seltene Vögel, Amphibien und Pflanzen. Das Delta begann sich erst im frühen 18. Jahrhundert zu bilden, nachdem die Kander künstlich in den Thunersee umgeleitet worden war.

Was es zu sehen gibt
Das Hauptschauspiel ist die Mündung selbst. Nach starkem Regen sieht man deutlich, wie das trübe, graugrüne Flusswasser auf das klarere Seewasser trifft. Die Kander bringt ohne Unterbruch Steine, Sand und feines Sediment aus den Bergen herunter, weshalb sich Uferlinie, Seitenarme und Kiesbänke ständig neu ordnen – der Ort sieht nie zweimal genau gleich aus.
Lohnenswert sind:
Kies- und Sandzungen, Schwemmholz und kleine Seitenarme;
Auenwald und stille Altwasser;
Vögel – Flussregenpfeifer und Flussuferläufer brüten hier, und Eisvögel tauchen auf;
die Sicht über den See auf die Gipfel des Berner Oberlands;
der natürliche Strand, an dem Baden und Picknicken erlaubt sind.
Auf den Kiesbänken lebt auch die Gelbbauchunke – einer der Gründe, weshalb das Innere des Deltas nicht betreten werden darf.

Ein Fluss, der absichtlich verlegt wurde
Vor 1714 floss die Kander gar nicht in den Thunersee. Sie zog über die Ebene nördlich von Thun und mündete unterhalb der Stadt in die Aare, wobei sie Dörfer wie Uetendorf, Thierachern und Allmendingen immer wieder überschwemmte, Geschiebe ablagerte und ihr Bett verlagerte. Da der Fluss nur wenige hundert Meter am See vorbeiführte, lag die Idee nahe: den Strättlighügel durchstechen und den See das Geschiebe schlucken lassen.
Die Arbeiten liefen von 1711 bis 1714 unter der Leitung von Samuel Bodmer; einen 300 Meter langen Stollen trieb Samuel Jenner durch den Hügel. Das Gestein hielt nicht stand. Der Stollen weitete sich unter dem Wasserdruck immer weiter, und am 16. Juli 1714 brach ein Abschnitt ein und riss fünf Arbeiter in den Tod; Mitte August war vom Stollen nichts mehr übrig – der Fluss hatte ihn aufgerissen. Die Kander hatte sich ihre eigene Schlucht geschaffen, die Kanderschlucht, und die Flusssohle senkte sich innert weniger Jahre um rund 40 Meter.
Das Projekt funktionierte, schuf aber ein neues Problem. Das Einzugsgebiet des Thunersees verdoppelte sich beinahe, die Aare konnte ihn nicht mehr schnell genug entwässern, und nun wurde Thun selbst überschwemmt – vom See her. Das löste zwei Jahrhunderte Folgearbeiten aus: ein zweiter Aarelauf durch den alten Stadtgraben (weshalb das Bälliz eine Insel ist), die Scherzligschleuse, die Aarekorrektion der 1870er-Jahre und schliesslich der 2009 in Betrieb genommene Hochwasser-Entlastungsstollen. Der Kanderdurchstich gilt gemeinhin als eines der ersten grossen Flussbauprojekte der Schweiz, und die Fehler, die hier gemacht wurden, prägten die späteren Korrektionen.

Warum sich die Leute mit Schlamm einreiben
An der Mündung sieht man fast immer Menschen, die sich mit dem grauen Schlamm einreiben und sich anschliessend im See abspülen.
Es gibt keine offiziellen Belege dafür, dass das Kanderdelta Heilschlamm oder eine anerkannte natürliche Heilquelle enthält. Was die Leute vermutlich verwenden, ist weicher grauer Schlick als improvisierte Tonmaske: Er ist kühl, lässt sich leicht auftragen, sieht lustig aus und peelt beim Trocknen leicht. Der Schlick ist Gletschermilch beziehungsweise Gesteinsmehl – extrem feine Mineralpartikel, die in den Bergen abgerieben und von der Kander heruntergetragen werden. Es handelt sich um ein lokales Ritual und einen Spass, nicht um eine Behandlung.
Besser nicht ins Gesicht, auf verletzte Haut oder in die Nähe von Augen und Mund auftragen: Natürliches Sediment ist nicht hygienisch aufbereitet und kann Mikroorganismen, Vogelkot oder Schadstoffe enthalten. Danach gründlich mit sauberem Wasser abspülen.

Vogelbeobachtung
Die beste Zeit sind der Frühjahrs- und der Herbstzug. Mitte April bis Ende Mai bringt Gesang, durchziehende Limikolen und Waldvögel. Ende August bis Oktober – vor allem der September – ist die Zeit, in der Vögel im Delta rasten, bevor sie weiterziehen. Das Delta gehört zu einem Wasser- und Zugvogelreservat von nationaler Bedeutung, das sich von hier bis Hilterfingen erstreckt, und ist ein bekannter Rastplatz für Sing- und Wasservögel. Auf Vogelbeobachtungsplattformen ist von über 200 nachgewiesenen Arten in diesem Gebiet die Rede, eine offiziell publizierte Artenliste existiert allerdings nicht.
Tageszeit. Kommen Sie bei Sonnenaufgang und bleiben Sie die ersten zwei bis drei Stunden: weniger Menschen, aktiv fressende Vögel, Waldarten gut über die Stimme zu orten. Von Ende April bis Anfang Juni singen viele Arten gleichzeitig. Die letzten ein bis zwei Stunden vor Sonnenuntergang sind die zweitbeste Option. Mittags sieht man immer noch Enten und Möwen, aber im Sommer drängen Hitze und Badegäste die Vögel vom zugänglichen Ufer weg.
Wo schauen. Am ruhigen Weiher Unteres Kandergrien stehen oft Reiher. Im Flachwasser und an der Kandermündung lohnt die Suche nach Limikolen, Enten und Möwen; auf dem offenen See nach Haubentaucher und Zwergtaucher, Blässhuhn, Stockente, Höckerschwan und Möwen. Im Auenwald finden sich Eisvogel, Kleinspecht, Waldlaubsänger, Bergstelze und weitere Singvögel; entlang des Flusses die Wasseramsel. Für Vögel weit draussen auf dem See hilft ein Spektiv, für das Delta genügt ein Feldstecher mit 8- oder 10-facher Vergrösserung.


Betreten Sie die Kiesinseln nicht und nähern Sie sich den Vögeln nicht. Flussregenpfeifer brüten dort, und ihre Eier sind zwischen den Steinen praktisch unsichtbar. Beobachten Sie aus Distanz mit dem Feldstecher, besonders im Frühling und Frühsommer.
Regeln vor Ort
Das Kanderdelta ist ein Naturschutzgebiet und steht in seiner heutigen Form seit 2008 unter Schutz. Konkret heisst das:
Begehbar sind die Wege sowie ein markierter Uferstreifen von rund 30–40 Metern Breite. Alles dahinter – das Innere des Deltas und die Kiesinseln – ist ganzjährig gesperrt.
Auf diesem Uferstreifen sind Baden, Picknicken und Brätlen erlaubt. Die Benutzung des Trampelpfads entlang des Flusses erfolgt auf eigenes Risiko.
Im Baggersee, dem künstlichen Kiesgrubensee, ist das Baden nicht erlaubt; dafür ist das Ufer des Thunersees da.
Im ganzen Schutzgebiet gilt Leinenpflicht für Hunde.
Das Füttern, Stören und Anlocken von Tieren ist verboten, ebenso das Fliegenlassen von Drohnen.
Keine Motorfahrzeuge auf den Wegen; kein Fahren ausserhalb der befestigten Strassen.
Nehmen Sie Ihren Abfall mit – Littering und laute Musik sind die beiden wiederkehrenden Hauptprobleme des Gebiets.
Von Frühling bis Herbst sind in unregelmässigen Abständen Rangerinnen und Ranger unterwegs, die gerne Fragen beantworten.
Für einen ruhigen Besuch reichen in der Regel ein bis zwei Stunden: ein Spaziergang dem Ufer entlang, etwas Zeit beim Zusammentreffen der beiden Gewässer und im Sommer ein Bad. Am eindrücklichsten ist das Delta nach starkem Regen – dann führt die Kander aber auch am schnellsten und kältesten Wasser. Seien Sie in Mündungsnähe vorsichtig: Strömung, kaltes Wasser und der bewegliche Kiesgrund machen das Baden dort wirklich riskant. Bei Hochwasser können Teile des Ufers unzugänglich sein.

Die zwei Schiffe
Am Wasser liegen zwei Rümpfe, die auf den ersten Blick alt, rostig und verlassen wirken. Es sind keine gewöhnlichen Boote, sondern zwei nicht selbstfahrende Industriepontons aus dem Kiesabbau im Delta.
Links: eine Klappschute mit offenem Laderaum und schrägen Wänden, für Sand und Kies.
Rechts: ein Arbeitsponton mit einer Öffnung im Deck und einer Winde oder einem Hubgerüst. Darauf konnte Ausrüstung zum Be- und Entladen oder zur Wartung eines Baggerschiffs stehen.
Keines der beiden hat ein Steuerhaus oder einen erkennbaren eigenen Antrieb; solche Fahrzeuge werden geschleppt oder mit Seilen gezogen. Die vertikalen Pfähle erlauben es, den Ponton während der Arbeit an Ort zu fixieren.
Das passt zum Ort: Der Hafen eines lokalen Kiesbetriebs liegt direkt nebenan, und das Geschiebe der Kander wird im Delta seit 1913 auf Basis einer Konzession kommerziell abgebaut (heutige Betreiberin ist Vigier Beton). Der Fluss liefert dem See laufend Steine und Kies nach, ein Teil davon wird industriell entnommen. Angesichts der starken Korrosion und der fehlenden modernen Ausrüstung dienen diese beiden Rümpfe heute wohl als Reserve- oder Standpontons – oder sie sind bereits ausser Betrieb.

Anreise
Am einfachsten mit dem öffentlichen Verkehr. Ab Thun Bahnhof nehmen Sie einen Bus Richtung Spiez und steigen bei Einigen, Chanderbrügg aus. Die Fahrt dauert rund 12 Minuten, die Busse verkehren etwa alle 30 Minuten. Von Spiez Bahnhof aus liegt dieselbe Haltestelle etwa 9–10 Minuten entfernt in Richtung Thun. Prüfen Sie die konkrete Verbindung in der SBB-App – Fahrpläne ändern sich.
Von der Haltestelle gehen Sie Richtung Fluss und See. Bis zum Eingang des Naturschutzgebiets sind es einige hundert Meter, danach folgt ein schmaler Pfad dem Fluss durch den Auenwald und am Weiher Unteres Kandergrien vorbei. Der Pfad ist stellenweise schlecht markiert und erscheint auf gängigen Karten unter Umständen nicht. Rechnen Sie mit 20–30 Minuten zu Fuss bis zum Seeufer.
Mit dem Auto: Geben Sie im Navigationsgerät Einigen, Chanderbrügg ein, nicht einfach «Kanderdelta». In der Nähe des Zugangs zum Schutzgebiet gibt es Parkplätze; von dort geht es zu Fuss weiter. Wald- und Werkstrassen sind für den Verkehr gesperrt.
Zur Orientierung können Sie den Punkt 46.71677, 7.63045 speichern – fahren Sie aber nicht direkt zu diesen Koordinaten, das ist bereits Schutzgebiet.


Eine gute Reihenfolge für den Spaziergang:
Bushaltestelle Chanderbrügg.
Der Pfad entlang der Kander – achten Sie auf Wasseramsel und Eisvogel.
Der Weiher Unteres Kandergrien – Ausschau nach Reihern halten.
Die Mündung und der erlaubte Uferstreifen – Limikolen, Enten und die Sicht über den See.
Die Wiese auf der Gwatt-Seite, wo in der warmen Jahreszeit manchmal ein Kiosk betrieben wird.

Den Besuch planen
Zwei bis drei Stunden, früh am Morgen, sind ideal. Die Route ist keine Rundtour – Sie kehren auf demselben Pfad zurück. Nehmen Sie Feldstecher, Wasser, Insektenschutzmittel und Schuhe mit, um die es Ihnen nicht leidtut: Der Pfad ist nach Regen oft feucht, das Ufer besteht aus Kies und weichem Schlick. Im Schutzgebiet gibt es weder Läden noch Restaurants, nehmen Sie also mit, was Sie brauchen.
Wer danach noch mehr Natur möchte: Direkt angrenzend liegt das Flachmoor Gwattlischenmoos mit der grössten Schilffläche am Thunersee und einem Naturzentrum in Gwatt – an einem längeren Morgen gut mit dem Delta zu kombinieren.

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